Back to back: Im letzten Jahr stand ich zum ersten Mal an der Startlinie des Torlaufs Dachstein. Ich hatte ernsthafte Zweifel, ob ich für die punktuell technisch sehr anspruchsvollen Streckenabschnitte bereit bin. Insbesondere der Abstieg von der Edelgrießhöhe über seilversicherte Abhänge und über den Klettersteig sind für jemanden, der ein klein wenig an Höhenangst leidet, mental doch recht fordernd. Aber durch die Teilnahme am Großglockner Ultra Trail habe ich auf technisch exponierten Abschnitten reichlich Erfahrung sammeln können und so fühlte ich mich für den Lauf in der wunderschönen Ramsau am Dachstein letztendlich gut vorbereitet. Heuer reise ich zwar wieder mit gehörigem Respekt in der Laufweste, aber auch mit einer großen Vorfreude in die Ramsau. Denn bereits am Heimweg meiner letztjährigen Teilnahme habe ich den Entschluss gefasst, diese karge, bizarre, aber so wunderschöne Landschaft auf weit über 2.000 Meter Seehöhe noch einmal sehen und belaufen zu wollen.
Fast hätte ich es vergessen! HAPPY BIRTHDAY TORLAUF DACHSTEIN! Heute wird die 10. Ausgabe dieses außergewöhnlichen Events gefeiert. Zum Jubiläum werden zwei neue Strecken angeboten. Zum einen das Skyrace direkt hinauf zum Dachstein-Gletscher und zum anderen eine 72 Kilometer lange Ultra-Strecke. Neu ist auch die umfangreichere Pflichtausrüstung, was hier im alpinen Gelände absolut Sinn macht. Wobei ich am Berg auch ohne Verpflichtung durch den Veranstalter immer zumindest ein Erste-Hilfe-Set, eine Regenjacke, eine Haube und Handschuhe mit dabei habe.
Der Start ist für 8 Uhr geplant. Da mir zwei Stunden Anreise bevorstehen, ist die Nacht kurz. Nach zwei Tassen Kaffee fahre ich voller Vorfreude in die Obersteiermark.
Der Start- und Zielbereich ist im WM-Stadion eingerichtet. Im Jahr 1999 hat hier die Nordische Ski-Weltmeisterschaft stattgefunden. Die Skisprunganlage und das Stadion sind nach wie vor in Betrieb. So finden hier regelmäßig Weltcup-Veranstaltungen der Nordischen Kombination statt. Eine geplante Bewerbung für eine neuerliche Austragung der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft im Jahr 2031 scheitert wie so oft an den notwendigen finanziellen Mittel.
Ein Parkplatz ist rasch gefunden und auch die Abholung der Startunterlagen dauert nur ein paar Minuten. Ich zeige den vor einigen Tagen übermittelten QR-Code vor und erhalte neben ein paar Goodies (u.a. einen Essens-Bon für die Labe danach) die Startnummer 113 sowie einen GPS-Tracker. Mit Hilfe des Trackers ist unsere Position jederzeit abrufbar und dient unserer Sicherheit.
Einige Schreckminuten habe ich bereits vor dem Start zu verdauen. Denn als ich mit meinen Startunterlagen wieder zum geparkten Auto zurück kehre, lässt sich dieses mit dem Funkschlüssel nicht mehr öffnen. Ich drücke und drücke am Funkschlüssel herum, klopfe auf den Schlüssel, schüttle ihn, drücke und drücke nochmals, fester, sanfter, ganz fest, aber das Auto bleibt fest verschlossen. In mir startet der Panik-Modus. Ich draußen, Pflichtausrüstung und Laufschuhe im Wagen! Und noch 45 Minuten bis zum Start! Ich fühle mich zwar in der Lage, eine technisch anspruchsvolle Laufstrecke zu meistern. Was Autos angeht, bin ich jedoch nicht allzu technisch versiert. Spontan wähle ich die Nummer des ÖAMTC. Ich bin in der Warteschleife. Nach ein paar Minuten lege ich auf und suche im Web nach einer Anleitung, um die Abdeckung des Funkschlüssels zu öffnen. Ich will die Batterie neu einsetzen. Vielleicht funktioniert´s dann ja wieder. Versehentlich öffne ich die falsche Seite und siehe da, ein mechanischer Not-Schlüssel lacht mich an. Was für ein Glück! Ich kann damit die Fahrertüre öffnen und auch wieder abschließen. Soviel sei verraten: Nach dem Lauf funktioniert der Funkschlüssel wieder einwandfrei. Eventuell waren es Funkinterferenzen, die durch den GPS-Tracker ausgelöst wurden.
Mein Puls senkt sich wieder, als ich mit Laufschuhen an den Füßen und mit der Laufweste pünktlich an der Startlinie stehe. Der Moderator sorgt für eine gute Stimmung und dann erfolgt auch schon der Countdown. Start! Ich trabe los! Die ersten Kilometer hinaus aus dem WM-Stadion verlaufen auf schmalen Wegen recht flach und sind gut laufbar. Entsprechend hoch ist das eingeschlagene Tempo. Ein Schnürsenkel öffnet sich. Der gebundene Doppelknoten hält eigentlich immer. Ich bleibe am Wegrand stehen und binde meinen Schuh erneut zu. Ob es was mit meiner Startnummer 113 zu tun hat? Bei meiner Teilnahme am Großglockner Ultra Trail hatte ich die Startnummer 13. Der Lauf wurde nach etwa 55 Kilometer wegen widrigster Wetterverhältnisse abgebrochen. Und heute mit der Nummer 113? Zuerst die Misere mit dem Funkschlüssel und nun öffnet sich der Doppelknoten. Wäre ich abergläubisch, würde ich mich jetzt auf den Boden legen und mich nicht mehr vom Fleck bewegen. Denn alle bösen Dinge sind bekanntlich 3. Also was folgt als nächstes? Genau, die Silberkarklamm! Denn nach gut 9 Kilometer ist der Einstieg zur Silberkarklamm erreicht. Über unzählige Holzstufen geht es die Klamm hoch. Unmittelbar daneben rauscht das Wasser zwischen große Felsen talwärts. Ein Überholen ist hier auf den Treppen kaum möglich und macht auch keinen Sinn. Aber ich habe meinen Platz im Teilnehmerfeld ohnehin gefunden und steige Meter um Meter zur Silberkarhütte hinauf.
Hier bei der Silberkarhütte ist die erste Labestelle positioniert. Auch eine Zwischenzeit wird genommen. Im Vorjahr bin ich nach 59:39 Minuten hier eingetroffen. Heuer brauche ich für diesen ersten Abschnitt nur ein paar Sekunden länger. Also quasi eine Punktlandung. Wobei die Zeit ohnehin nebensächlich ist. Klar möchte ich sportlich ambitioniert ins Ziel laufen. Mein primäres Ziel ist es jedoch, die landschaftliche Schönheit zu genießen und die technischen Abschnitte konzentriert und sicher hinter mich zu bringen. Und Zeit für Fotostopps muss sowieso sein.
Ab hier nehme ich die Trailrunning-Stöcke aus dem Köcher meiner Laufweste zu Hilfe. Sie werden mir auf den nächsten 10 steilen Kilometern von großem Nutzen sein. Auf meist engen und steinigen Serpentinen führt die Strecke immer weiter in die Höhe. Punktuell sind die Abschnitte derart technisch und felsig, dass ich die Hände zu Hilfe nehmen muss. Der Himmel ist wolkenverhangen und der Wind frischt auf. Etwas unangenehm ist, dass die Spitzenläufer des Skyrace aufgeschlossen haben und nun natürlich auf den engen Kehren möglichst rasch und ungehindert überholen möchten.
Nieselregen setzt ein. So ziehe ich bei der Labe am Guttenberg-Haus auf 2.146 Meter Seehöhe die Regenjacke über. Auch die Haube hole ich schon mal aus dem hinteren Fach der Laufweste hervor, damit ich sie griffbereit habe. Ich fülle meine Flasks mit Wasser und Iso auf und lasse mir Tomaten mit Salz, Trockenwurst und Käse gut schmecken.
Die höchste Stelle der Strecke ist allerdings noch nicht erreicht. Es geht weitere knapp 500 Höhenmeter aufwärts. Wir sind längst über der Baumgrenze. Die Landschaft nimmt bizarre Formen an. Die Strapazen des Aufstiegs werden hier heroben bei der Gruber-Scharte mit dem Anblick einer großartigen Geröll-Landschaft belohnt. Die Nebelschwaden liegen ein paar Höhenmeter unter mir und die Sonne scheint. So habe ich den Anblick der grauen Gesteinsoberfläche vom sogenannten Landfriedtal noch vom letzten Jahr im Gedächtnis und ich bin froh, dass ich heute noch einmal hier hochgestiegen bin.
Sturmböen setzen ein, während noch weitere 200 Höhenmeter entlang des Landfriedtals hinauf zur Edelgrießhöhe zu meistern sind. Ich spüre, wie der kalte, stürmische Wind meinen Augen zusetzt. Der Wind verursacht ein rasches Trocknen des Tränenfilms, sodass die Kontaktlinsen kaum noch haften. Ich setze rasch die Sonnenbrille auf. Das schafft Abhilfe und ich verliere hier oben zum Glück keine meiner Kontaktlinsen. Dafür fegt mir eine Sturmböe die Kappe vom Kopf. Sie fliegt einige Meter hinab und kommt vor einem großen Stein zu liegen. Ich steige die paar Höhenmeter tiefer und halte die Kappe mit meinen Stöcken fest. Gesichert! Die Kappe kommt in die Laufweste und dafür die Haube auf den Kopf.
Mit dem Abstieg von der Edelgrießhöhe steht mir ein technisch sehr fordernder Abschnitt bevor. Vorher mache ich noch ein paar Fotos von dieser abstrakten, bizarren und ungewöhnlichen Landschaft. Die ersten Meter geht es seilversichert über den Abhang. Nun folgt ein rund 10 Meter hoher Klettersteig. Ich verstaue meine Stöcke im Köcher, um die Hände frei zu haben. Teilweise sind die Abstände zwischen den Metallklammern so groß, dass ich mich langsam am Fels hinuntergleiten lasse. Im Vorjahr war dieser Abschnitt für mich noch eine große Überwindung. Heute bin ich gelassen und ruhig. Mit dem Alter kommt offenbar auch die Routine. Dann habe ich wieder festen Boden unter den Füßen. Wobei fester Boden nicht ganz der Realität entspricht. Der Untergrund ist feinkörniges Geröll, auf dem kaum Halt zu finden ist. Es scheint, als würde man bei jedem Schritt mit einem Kubikmeter Schutt zu Tal rutschen. Ich nehme mir die Stöcke zu Hilfe und versuche mich abzustützen. Das funktioniert bedingt.
Das Geröll weicht einem schmalen, stark verwurzelten Pfad. Es ist weiterhin Vorsicht geboten. Auf diesem Streckenabschnitt zu stolpern oder gar zu stürzen, würde eine erhebliche Verletzungsgefahr darstellen. Schutt hat sich in meinen Schuh verirrt. Ich muss anhalten und die Steine entfernen. Bei dieser Gelegenheit ziehe ich die Regenjacke aus und verstaue sie gemeinsam mit der Haube in der Laufweste. Denn hier ein paar hundert Höhenmeter tiefer herrschen angenehme Temperaturen, denn die Wolken machen immer öfter der Sonne Platz.
Bei der nächsten Labestelle greife ich wieder zu Tomaten, Salz, Wurst und Käse. Unterwegs labe ich mich mit Gels. Die Verpackungen kommen natürlich in einem Müllbeutel mit ins Ziel und in die Tonne. Gut gestärkt trabe ich rund 200 Höhenmeter hinauf zur Dachstein-Südwand-Hütte. Hier sitzen bei mittlerweile schönem Bergwetter viele Wanderer auf den Holzbänken und sorgen für eine gute Stimmung.
Es folgt ein recht steiler Abstieg. In Serpentinen geht es auf erdigem Terrain wieder viele Höhenmeter talwärts. Die technisch schwierigen Passagen habe ich hinter mir gelassen. Es folgt nun ein schön zu belaufender Trail über kupiertes Gelände.
Ich bin bei der Verpflegestelle auf der Walcheralm angekommen. Das heutige Laufabenteuer nähert sich dem Ende. Die nächsten paar Kilometer sind auf einem moderat fallenden Schotterweg zu laufen. Auf diesem Abschnitt kann ich wie im Vorjahr das Tempo hochhalten. Obwohl ich im Talboden den Stadionsprecher schon hören kann, ist noch eine größere Schleife zu laufen. Aber auch diese Höhenmeter bringe ich noch gut hinter mich, bevor ich Richtung Stadion laufen darf und bereits vom Moderator angekündigt werde. Nach 6 Stunden und 50 Minuten bringe ich die 42 Kilometer mit 2.600 Höhenmeter in einer für mich abermals sehr zufriedenstellenden Zeit zu Ende. In meiner Altersklasse belege ich den 5. Rang.
Im Ziel erhalte ich die Finisher-Medaille um den Hals gehängt und das wohlverdiente Ziel-Bier gereicht. Nach einer Dusche im Schwimmbad löse ich den Essens-Bon ein und lasse mir ein sehr leckeres Nudelgericht gut schmecken. Dass ich bei der Startnummern-Lotterie wieder kein Glück habe, überrascht mich nicht. Vielleicht komme ich sogar ein drittes Mal zum Torlauf Dachstein in die Ramsau. Dann würde ich wohl die Ultra-Strecke in Angriff nehmen und endlich auch das "Tor" belaufen.
05.09.2026: Torlauf Dachstein - Erlebnisbericht
"Gefällt" dieser Beitrag? Meine Facebook-Fanseite, auf der ich regelmäßig über Trainingsläufe, Wettkampfteilnahmen, Produkttestungen etc. informiere, freut sich über jedes weitere "gefällt mir".





