Freitag, 10. April 2026

10.04.2026: 100 Miles of Istria - Erlebnisbericht

Die letzten Wochen waren ein einziges Gedanken-Tohuwabohu. Die vernünftige Stimme in meinem Kopf sagte mir vehement, ich solle meine Teilnahme an den 100 Meilen von Istrien, einem Ultratrail vom Labin bis nach Umag, stornieren. Ich fühlte mich einfach nicht entsprechend seriös vorbereitet. Denn bedingt durch den starken Schneefall und später durch den Windbruch, war einige Wochen lang ein adäquates Training auf den Trails meines Hausberges nicht möglich. Stattdessen lief ich die Kilometer alternativ auf Asphalt, was letztendlich kein wettkampfspezifisches Training war. Ein Downgrade auf die 100 Kilometer lange Distanz wäre aus sportlicher Sicht das Sinnvollste gewesen. Leider war die Veranstaltung ausverkauft, sodass diese Option nicht zur Verfügung stand. 

Letztendlich fällt die Entscheidung gegen ein DNS, also gegen ein "did not start". Ich möchte es auf jeden Fall versuchen. Und ich kenne mich. Wenn ich einmal auf der Strecke bin, dann kämpfe ich mich bis zur Ziellinie durch. Es ist der dritte Anlauf, die gesamte Streckendistanz von 168 Kilometer zu laufen. Im Jahr 2018 wollte ich den ersten Versuch starten. Da stoppte ein Knochenmarködem im Sprungbein meine Vorbereitung. Statt Istrien gab es damals eine dreimonatige Laufpause. Im Jahr 2022 stand ich ebenfalls auf der Startliste. Da war mir jedoch die Glücksfee hold und bescherte mir einen Startplatz beim Western States 100 Endurance Run in Kalifornien. Ich bin dennoch nach Umag gefahren, wählte ein Downgrade auf die 68 Kilometer lange Distanz und nutzte das Event als langen Trainingslauf.

Nach vier Stunden Fahrzeit bin ich in Umag angekommen. Mein erster Weg führt mich zur Sports Hall Umag, wo die EXPO und auch Startnummernausgabe stattfindet. Ich erhalte die Startnummer 433 und ein Band um das Handgelenk gebunden. Für den Transport zum Start nach Labin kaufe ich mir einen Bus-Voucher. 

Ich checke in einem der promoteten Partnerhotels ein. Das Zimmer ist in die Jahre gekommen und die Aussicht in den trostlosen Park ist ebenfalls nicht berauschend. Dass eine grölende Touristengruppe unter meinem Balkon ein Besäufnis zelebriert, steigert meinen Wohlfühlfaktor auch nicht übermäßig. Ein tolles Service ist allerdings, dass ein kostenloser Shuttle-Transfer eingerichtet ist, der die Läufer und Begleitpersonen im Halbstundentakt zur Sports Hall Umag und retour bringt.

Gegen einen Aufpreis von stolzen 31 Euro darf man sich am Abendbuffet bedienen. Die Saucen sehen "ritsch" aus und nach Fisch ist mir auch nicht zumute. So beschränke ich die Nahrungsaufnahme auf Kartoffeln, Reis und Nudeln sowie auf zwei Stück Pizza mit ordentlich Käse. 

Nach ein paar Schritten am Meer und einem Telefonat mit meiner Familie gehe ich zu Bett. Ich schlafe recht gut. Mein Frühstück besteht aus Toast mit Marmelade und Pancakes. Der Kaffee schmeckt leider nicht sonderlich gut. Nach dem ausgiebigen Frühstück versuche ich noch ein wenig zu schlafen.

Gegen Mittag packe ich die Laufweste und mein Drop-Bag. Die Pflichtausrüstung ist sehr umfangreich. Kleidungsstücke verpacke ich in Druckverschlussbeutel, damit sie bei Schlechtwetter nicht feucht werden. Auf welchen Streckenabschnitten ich was tragen werde, ist auf Basis der Wetterprognosen und des Streckenprofils in meinem Kopf abgespeichert und erweist sich in der ersten Nachthälfte als absolut praxistauglich. Auch die LiveTrail-App gehört zur Pflichtausrüstung und bietet unterwegs nützliche Informationen. Basierend auf meinen aktuellen UTMB-Index wird eine mehr oder weniger realistische Laufzeit errechnet. Demnach werde ich voraussichtlich 31 Stunden unterwegs sein. Mal sehen, ob die App recht behält. 

Der Bus-Transfer von Umag nach Labin ist gut organisiert. Ich denke, es sind insgesamt 6 oder 7 Busse, die für die Teilnehmer zur Verfügung stehen. Mein Sitznachbar hat leider argen Schweißgeruch und so wird die Fahrt für meinen Geruchssinn zum Stresstest. In Labin herrscht bereits reges Treiben. Der Startbogen ist aufgebaut und eine Band sorgt für tolle Stimmung. Ich treffe die letzten Vorkehrungen. Will heißen, ich gehe noch auf die Toilette und schlucke unmittelbar vor dem Start eines meiner bewährten Gels.

Der Veranstalter macht noch einige Fotos und dann geht es endlich los. 

Es läuft gut. Die Strecke ist wie erwartet landschaftlich schön. Istrien halt! Deswegen bin ich hier. Wegern der Schotterwege, wegen der schmalen Pfade, wegen der Blicke auf das Meer, wegen der Steinhäuser.

Der erste Checkpoint ist nach knapp 16 Kilometer bei Plomin Luka erreicht. Ich wechsle mein kurzes Oberteil gegen ein Langarm-Shirt. Die Dämmerung setzt bald ein und auf den Bergen wird es ohnehin kühler sein. Bergauf kann ich mit Hilfe meiner Trailrunning-Stöcke gut Höhenmeter machen und flache und abfallende Passagen lassen sich bislang sehr gut laufen. Ich liege hervorragend in der Zeit und bin für die Nachtstunden guter Dinge.

In Moscenicka Draga ist der zweite Checkpoint eingerichtet. 35 Kilometer liegen hinter mir. Ich fülle meine Flasks an und esse ein paar Bissen. Der anspruchsvollste Anstieg der gesamten 100 Meilen steht mir nun bevor. Schritt für Schritt steige ich das Ucka-Gebirge hoch. Die Luft ist kühl und die Dunkelheit bringt Stille. Wind kommt auf, als ich dem Gipfel des Vojak näher komme. Alles läuft wie geschmiert. Ein paar Kilometer später muss ich völlig überraschend zur Kenntnis nehmen, dass ein Lauf nicht immer erst an der Ziellinie endet. 

Seit einiger Zeit habe ich beim Blinzeln ein unangenehmes, trockenes Gefühl im linken Auge. Es wirkt, als säße meine Kontaktlinse nicht mehr richtig. Eigentlich schwimmt die Kontaktlinse auf einem dünnen Tränenfilm. Der Wind und die niedrige Luftfeuchtigkeit lassen die schützende Tränenflüssigkeit auf dem Auge verdunsten und das Auge und die Linse werden trocken. Fehlt diese Tränenflüssigkeit, haftet die Linse nicht mehr stabil. Dann passiert es. Eine Kontaktlinse verliert den Halt und fällt raus. Ich bin konsterniert! Über 30.000 Kilometer bin ich bislang gelaufen. Aber so etwas ist mir in all den Jahren noch nicht passiert. Ich habe noch nie während dem Laufen eine meiner Kontaktlinsen verloren. Der Versuch, nur mit einer Linse im Auge weiterzulaufen, scheitert. Immer wieder stolpere ich, da ich die Bodenbeschaffenheit nicht richtig wahrnehmen kann. Mit etwas über 6 Dioptrien macht das in der Dunkelheit und auf steinigen und verwurzelten Pfaden einfach keinen Sinn.

Mir fällt ein, dass ich seit Jahren im Erste-Hilfe-Set zwei Stück Ersatzlinsen dabei habe. Aber es ist mittlerweile stockfinster, es ist windig und meine Hände sind nicht sauber. Außerdem habe ich noch nie ohne Spiegel die Kontaktlinse eingesetzt. Ich reinige meine Hände provisorisch mit dem Wasser aus meiner Flasks, öffne die Verpackung der Tages-Kontaktlinse und setze die Linse auf meine Fingerkuppe. Tatsächlich gelingt es mir, die Linse ins Auge zu befördern. Ich trabe weiter. Aber die Kontaktlinse sitzt nicht so gut und ein paar Minuten später fällt mir auch diese Sehhilfe aus dem Auge. Ich schaffe es, auch die zweite Ersatzlinse ins Auge zu befördern. Aber es fühlt sich an, als sei Staub oder Schmutz auf der Oberfläche. Auch diese Kontaktlinse sitzt nicht gut und außerdem reibt sie und reizt mein Auge. Ich bin perplex. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis ich auch diese Linse verliere. Und wenn nicht, ist eine Bindehautentzündung vorprogrammiert. Immerhin sind es bis zum Ziel noch weit über 100 Kilometer. Ersatzbrille habe ich leider keine in der Laufweste. Ein solches Problem habe ich bis dato einfach nicht kommen sehen. Nun ist guter Rat teuer. Letztendlich scheint es die einzig mögliche und sinnvolle Option zu sein, beim nächsten Checkpoint den Lauf zu beenden.

So bestätige ich der Rennleitung beim Checkpoint Poklon, dass die Startnummer 433 hier und jetzt den Lauf beenden wird. Rund 52 Kilometer bin ich gelaufen und habe dabei 3.000 Höhenmeter bezwungen. Mir wird angeboten, entweder nach Buzet oder nach Umag gebracht zu werden. Ich möchte zurück nach Umag! Aber ich muss wohl eine Zeit lang auf meinen Rücktransport warten. Denn bis zum Cut-Off sind es noch viele Stunden und bislang bin ich augenscheinlich der Einzige, der nicht weiterlaufen kann. Erst wenn der Van gefüllt ist, erfolgt die Fahrt. Letztendlich warte ich lange zwei Stunden auf die Abfahrt. Ich sitze im beheizten Van und versuche meine Gedanken zu ordnen. Nach weiteren 90 Minuten Fahrzeit über kurvenreiche Straßen inklusive zweier Vollbremsungen für ein Reh und eine Katze bin ich früh am Morgen zurück in Umag. Das Shuttle zum Hotel fährt um diese Zeit nicht. Auf ein Taxi habe ich keine Lust. So jogge ich die knapp 4 Kilometer zurück ins Hotel. Endlich kann ich die Kontaktlinse aus dem Auge nehmen. Das Auge ist stark gerötet, erholt sich aber in den kommenden Stunden rasch. Ich bin kaum müde, sondern aufgewühlt und maßlos enttäuscht. Erst jetzt wird mir so richtig bewusst, dass das hier mein erstes echtes "did not finish" ist. Erst einmal konnte bzw. durfte ich die Ziellinie nicht überqueren. Das war im letzten Jahr beim Großglockner Ultra Trail. Da erfolgte der Rennabbruch durch den Veranstalter. Diesmal ist es anders. Erstmalig bin ich aus eigener Entscheidung aus einem Wettkampf ausgestiegen. Dann finde ich doch zwei Stunden Schlaf. Ich frühstücke eine Kleinigkeit und möchte mein Drop-Bag abholen. Es ist zum Glück tatsächlich schon nach Umag in die Sports Hall gebracht worden. Ich danke dem Veranstalter für dieses tolle Service, so wie generell die Organisation der Veranstaltung lobend erwähnt werden muss.

An der Hotelrezeption teile ich mit, dass ich abreise. Ich will einfach nur noch nach Hause und von meiner Familie in den Arm genommen werden.

Istrien wird mich wieder an der Startlinie sehen. Voraussichtlich schon im kommenden Jahr. Und ja, ich werde eine Ersatzbrille in der Laufweste mit dabei haben.

10.04.2026: 100 Miles of Istria - Erlebnisbericht


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