Alles neu macht der Mai! Dieses Sprichwort geht auf das gleichnamige Frühlingsgedicht von Hermann Adam von Kamp zurück und ist ein Sinnbild für Aufbruchstimmung und Neuanfang. Ein Neuanfang, wie er heuer auch dem mozart 100 by UTMB bevorsteht. Denn Start und Ziel dieser Ultratrail-Veranstaltung liegen nicht mehr inmitten der altbewährten Mozartstadt Salzburg, sondern in Fuschl am See. Ich kann nur spekulieren, warum diese große infrastrukturelle Änderung notwendig wird. Es liegt - gestützt auf Online-Berichte - wohl an der fehlenden Zustimmung der Stadtregierung. Demnach sollen in der Altstadt von Salzburg die Veranstaltungen zum Wohle der Bewohner drastisch minimiert werden. Nur noch ausgewählte kulturelle Events sind weiterhin gern gesehen.
Ob in Fuschl am See dieses jährlich wachsende Ultratrail-Event organisatorisch gestemmt werden kann? Bereits kurz nach Bekanntgabe der örtlichen Veränderung sind sämtliche Zimmer in Fuschl ausgebucht. Der Veranstalter reagiert und bietet von den benachbarten Orten und von der Stadt Salzburg einen Shuttle-Service zum jeweiligen Start der Bewerbe an. Auch nach dem Zieleinlauf in Fuschl kann man dieses Service nutzen und wird wieder zu seinem Nächtigungsort retour gebracht.
Ich selbst ergattere für zwei Nächte ein kurzfristig frei gewordenes und recht kostengünstiges Zimmer am Ortsrand von Fuschl. Der Start- und Zielbereich ist von der kleinen Pension aus fußläufig in rund 10 Minuten erreichbar. Anreisen möchte ich eigentlich umweltschonend mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Aber durch Baustellen entlang der Bahnstrecke winkt mir ein mehrmaliges Umsteigen inklusive Schienenersatzverkehr. So entschließe ich mich letztendlich, mit dem Auto in das Flachgau zu reisen.
Zum Glück rollt am Pfingstwochenende die Verkehrslawine Richtung Süden. Während die nach Strand und Meer Hungrigen im kilometerlangen Stau stehen, habe ich aus dem Umland von Graz über Liezen und dem Salzkammergut eine recht entspannte Anreise. Da ich bereits vorab online eingecheckt habe, liegen Zimmerschlüssel und Gästekarte schon bereit. Das Doppelzimmer bietet mir und meiner Ausrüstung genügend Platz. Vom Balkon habe ich einen schönen Blick auf den Fuschlsee und auch eine Gemeinschaftsküche mit Herd, Geschirrspüler, Kaffeemaschine und Mikrowelle steht vor Ort zur Verfügung. Soweit läuft alles bestens!
Das Eventgelände rund um das Fuschlseebad, mit seinem malerischen Naturbadestrand des glasklaren, türkisfarbenen Fuschlsees, ist ein echter Hingucker. Die Abholung der Startunterlagen erfolgt schnell und unkompliziert. Ich zeige den vor einigen Tagen per Mail erhaltenen QR-Code und einen Lichtbildausweis vor und erhalte die Startnummer 327 sowie einen Transponder, der am Laufrucksack angebracht werden muss. Über diesen Transponder sind wir via App live zu verfolgen. Schließlich soll ja auf der Strecke niemand verloren gehen. Auch ein Dropbag-Beutel wird an die Starter ausgegeben. Dieses Bag kann befüllt werden und ist kurz vor dem Start abzugeben. Dann wird es zum Checkpoint nach St. Gilgen (bei Kilometer 45) gebracht. Das Finisher-Shirt ist auf Grund internationaler Versandbeschränkungen leider nicht rechtzeitig beim Veranstalter eingelangt. Wir werden damit vertröstet, dass das Shirt in ein paar Wochen per Post nachgesendet wird. Ich schmökere noch ein wenig auf der Expo umher und gönne mir einen lässigen Hoodie, der auf der Rückseite kleingedruckt die Namen alle Teilnehmer stehen hat.
Ich gehe in die Unterkunft zurück und mache mir etwas Reis in der Mikrowelle warm. Während dem Essen verfolge ich via Livestream das Racebriefing.
Bevor ich mich ins Bett lege, richte ich meine Ausrüstung und bestücke die Laufweste und das Dropbag. Auch wenn ich den Inhalt des Dropbags kaum brauchen werde, befülle ich es mit einem Paar Laufschuhe, frischen Socken, einem Shirt und einigen Energie-Gels. Man weiß ja nie und wenn die Möglichkeit angeboten wird, sollte man diese auch in Anspruch nehmen.
Durch die offenen Fenster haben wohl zu viele Gräserpollen den Weg ins Zimmer gefunden. Meine Nase ist verstopft und ich finde kaum Schlaf. Völlig gerädert stehe ich um 03:45 Uhr auf. Ich mache mir einen Kaffee und treffe die letzten Vorkehrungen wie Kontaktlinsen rein, Wasserflaschen auffüllen ...
Dann mache ich mich auf den Weg zum Startgelände. Die Luft ist angenehm kühl und der Himmel wolkenlos. Ich gebe mein Dropbag ab und reihe mich schließlich im Startblock ein. Trotz der frühen Uhrzeit liegt eine besondere Energie in der Luft. Genau diese Momente sind es, die den Reiz solcher Veranstaltungen ausmachen. Wochen und Monate der Vorbereitung sind Geschichte. Nun ist es an der Zeit, sich für hunderte Trainingskilometer zu belohnen.
Pünktlich um 5:00 Uhr früh erfolgt der Start des mozart 100 by UTMB. 119 Kilometer und knapp 6.000 Höhenmeter sind es bis zur Ziellinie. Mental sind Zwischenziele (Meilensteine) immens wichtig. So zerteile ich diese ultralangen Strecken in kleinere, überschaubare Happen. Für mich gilt es nun erstmal, bis nach Strobl zu laufen.
Die Beine fühlen sich recht gut an und der kurze, unzureichende Schlaf scheint vorerst keine Rolle zu spielen. Kilometer um Kilometer laufe ich durch die wunderschöne Landschaft des Salzkammerguts. Das rund 550 Teilnehmer umfassende Feld ist bereits in die Länge gezogen, sodass ich unbedrängt mein eigenes Tempo laufen kann. Und auch die ersten Höhenmeter lassen nicht lange auf sich warten. Immer wieder eröffnen sich spektakuläre Ausblicke auf die Seen der Region. Der Wolfgangsee glitzert in der Morgensonne, dahinter ragen die Gipfel des Schafbergs und der umliegenden Berge empor. Genau für solche Momente nehme ich die Strapazen einer Ultratrail-Vorbereitung inklusive Organisation der Anreise und Nächtigung gerne in Kauf.
Nach der Verpflegungsstation in Strobl beginnt der anspruchsvollste Abschnitt des gesamten Laufes. Was auf dem Streckenprofil bereits respekteinflößend aussieht, entpuppt sich in der Realität als echter Härtetest. Hinauf zum Schafberggipfel sind auf wenigen Kilometern weit mehr als tausend Höhenmeter zu bewältigen. Mit zunehmender Höhe wird der Weg steiniger und rauer. Ausgesetzte Stellen sind seilgesichert und teilweise liegen noch Schneereste auf den Pfaden. Es ist punktuell sehr technisch. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind hier heroben ein absolutes Muss. Bergretter sichern exponierte Stellen. Endlich steige ich durch die sogenannte Himmelspforte hoch und der vermeintlich härteste Anstieg des heutigen Tages ist geschafft.
Ein kurzer Blick auf das Panorama und auf den Wolfgangsee belohnt für die Mühen des kräftezehrenden Aufstiegs. Die Schafbergbahn fährt gerade hinab ins Tal. Und auch auf mich wartet diese Herausforderung. Die mühsam gewonnenen Höhenmeter müssen nämlich wieder nach unten gelaufen werden. Der Downhill bis in die Talsohle nach St. Gilgen wird nur kurz durch den Checkpoint Schafbergalm unterbrochen.
Meine Ernährungsstrategie sieht vor, dass ich zwischen den Checkpoints gerne auf Gels zurückgreife. An den Checkpoints selbst labe ich mich mit Tomaten und Salz, gerne auch mal mit einem Stück Schwarzbrot, Wurst und Käse. Auch ein Schluck vom alkoholfreien Bier ist eine willkommene Abwechslung. Die Labestationen sind allesamt gut ausgestattet und überall warten überaus freundliche Helfer auf uns Läufer.
Auch hier auf der Schafbergalm esse ich wieder einige Tomaten mit Salz und trinke ausgiebig Wasser und ein isotonisches Getränk. Ich fülle meine Flasks voll und laufe weitere hunderte Höhenmeter abwärts. Vorsicht ist angebracht, denn die Singletrails sind mancherorts stark verwurzelt und teils steinig. Es ist zu steil und zu technisch, um es einfach rollen zu lassen. Daher haben die vorderen Oberschenkelmuskel ganze Arbeit zu leisten, denn große Aufprallkräfte wirken auf sie ein. Diese exzentrische Muskelarbeit, also diese abbremsende Kraft, beansprucht den Quadrizeps und die Quadrizepssehne enorm. Mikrorisse in den Muskelfasern und im Bindegewebe sind die Folge. Diese kleinen Verletzungen verursachen Entzündungsreize und lassen einem dann diesen typischen Muskelkaterschmerz verspüren. Und dieser Schmerz ist bei mir gerade sehr ausgeprägt, als ich im Tal ankomme und die zwei flachen Kilometer am Ufer des wunderschönen Wolfgangsees nach in St. Gilgen laufe.
Bei meiner Ankunft am Checkpoint St. Gilgen habe ich über 3 Stunden Puffer auf die Cut-off-Zeit. Für 65 Teilnehmer läuft es nicht so gut und sie müssen oder wollen hier in St. Gilgen bereits den Lauf beenden. Aus dem Dropbag nehme ich mir nur ein paar Gels und stecke sie mir in die Laufweste. Der Rest wird vom Organisationsteam wieder zurück nach Fuschl gebracht. Der lange Abstieg vom Schafberg hat bei meiner Muskulatur deutliche Spuren hinterlassen. Dabei liegt mit dem Zwölferhorn noch ein weiterer markanter Anstieg vor mir.
Die Temperaturen sind mittlerweile deutlich angestiegen und jeder Höhenmeter scheint doppelt so viel Kraft zu kosten wie noch am Morgen. Der Weg führt teilweise Direttissima dem Gipfel des Zwölferhorns entgegen. Anfangs versuche ich noch, mit kraftvollem Einsatz meiner Stöcke zügig zu marschieren. Doch meine Oberschenkel denken nicht mehr daran, kooperativ zu sein. Jeder Schritt wird zur Willensprüfung. Höhenmeter um Höhenmeter quäle ich mich empor, während über mir die Gondel der Zwölferhorn-Bergbahn mühelos hoch und runter fährt.
Kurz vor dem Gipfelkreuz lasse ich mich ins Gras fallen. Ich bin platt. Für einige Minuten liege ich einfach da und starre in den wolkenlosen Himmel. Ein paar Läufer hiken an mir vorbei. Manche fragen, ob alles in Ordnung sei. Ich nicke.
In Wahrheit bin ich mir in diesem Moment nicht ganz sicher, wie es weitergehen soll. Die Oberschenkelmuskulatur streikt in einem noch nie erlebten Ausmaß. Und es liegen noch schier unüberwindbare 60 Kilometer vor mir. Es ist einer jener Momente, die man in keiner Ergebnisliste und auf keinem Finisher-Foto sieht. Momente, in denen ein Ultratrail weniger ein sportlicher Wettkampf ist, sondern vielmehr eine riesengroße mentale Herausforderung wird.
Zu gerne würde ich hier und jetzt den mozart 100 by UTMB beenden. Der Gedanke, mit der Gondel ist Tal zu fahren und in einen der Shuttlebusse zu steigen, der mich bequem zurück nach Fuschl fährt, erscheint äußerst verlockend. Keine weiteren An- bzw. Abstiege, keine schmerzenden Oberschenkel, keine endlosen Kilometer mehr. Einfach nur sitzen, die Beine ausstrecken und den Tag abhaken. Doch kaum ist dieser Gedanke ausgesprochen, folgt auch schon die Gegenfrage: Würde ich mir das morgen verzeihen können? Die Antwort kommt schnell. Nein, ich würde mich dafür hassen, es nicht weiter versucht zu haben. Schließlich habe ich viel investiert, um hier am Start zu sein. Dazu kommt, dass die Zielankunft hier beim mozart 100 by UTMB zugleich die Eintrittskarte ist, um ein weiteres Mal bei der Startplatzlotterie des Western States 100 Endurance Run im Lostopf zu sein. Die Beine sind zwar schwer, die Muskulatur angeschlagen und mein ursprüngliches Zeitziel außer Reichweite. Aber im Grunde sind das heute auch keine größeren Probleme, wie ich sie in den letzten 10 Jahren nicht schon mehrfach gelöst bekommen habe. Es ist keine Verletzung, die mich ausbremst. Es liegen keine gravierenden gesundheitlichen Beschwerden vor. Eigentlich bin ich nur müde und erschöpft. Also aufstehen, Krone richten und den nächsten Checkpoint als weiteres mentales Zwischenziel definieren.
Ich beginne zu rechnen. Selbst wenn ich pro Stunde nur mehr 4 bis 5 Kilometer weit kommen sollte, wird mich der Sweeper (Schlussläufer, Besenwagen) nicht einholen. Nachdem das Zwölferhorn überschritten ist, folgt ein schmaler Pfad hinab zur Schafbachalm. Bei diesem Checkpoint werden am heutigen Tag weitere 75 Teilnehmer die Herausforderung mozart 100 by UTMB vorzeitig beenden.
Von Laufen kann mittlerweile keine Rede mehr sein. Aus dem Ultratrail ist längst ein Ultraweitwandern geworden. Die Uhr zeigt unmissverständlich, dass ich zwei oder vielleicht sogar drei Stunden langsamer sein werde als erhofft. Aber das stört mich inzwischen kaum noch. Dafür ist keine Energie vorhanden. In dieser Phase geht es längst nicht mehr um Bestzeiten oder Platzierungen. Es geht mir nur noch darum, die Ziellinie aus eigener Kraft zu erreichen.
Ein beruhigender Faktor bleibt dabei stets im Hinterkopf: Die Cut-off-Zeiten sind nämlich weiterhin keine Bedrohung. Trotz aller Schwierigkeiten verfüge ich noch über ausreichend Puffer. Solange nichts Unvorhergesehenes passiert, werde ich also vor der Schlusszeit ins Ziel kommen. So marschiere ich weiter. Schritt für Schritt. Kilometer für Kilometer. Nicht schnell, nicht elegant und schon gar nicht leichtfüßig. Aber immer noch vorwärts. Und genau das zählt an Tagen wie diesen.
Ich nähere mich der Ziellinie. Hier fehlt mir der bisherige finale Streckenabschnitt über den Kapuzinerberg und durch die Altstadt von Salzburg dann doch. Denn diese letzten Kilometer inmitten von Touristen haben in den letzten Jahren dem langen Tag auf den Trails die Krone aufgesetzt. Nun hike ich am Ufer des Fuschlsees entlang. Ich weiß, wie schön es hier bei Tageslicht ist. Mittlerweile ist es weit nach Mitternacht. Die Dunkelheit hat die Landschaft längst verschluckt und die Stirnlampe wirft nur noch einen schmalen Lichtkegel auf den Trail vor mir. Eigentlich bin ich im Moment ganz froh darüber, niemanden zu sehen oder gar selbst gesehen zu werden.
Das Ziel ist greifbar nahe. Die letzten hundert Meter möchte ich nicht gehend absolvieren. Also zwinge ich meinen Körper ein letztes Mal in den Laufschritt. Jeder Schritt schmerzt, die Muskulatur protestiert lautstark und von der Leichtigkeit der ersten Stunden ist längst nichts mehr übrig. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Einige Zuschauer und Helfer harren trotz der späten Stunde aus und applaudieren mir.
Geschafft. Finish. Ich überquere die Ziellinie und bleibe zunächst einige Sekunden stehen. Nach knapp 21 Stunden voller Höhen und Tiefen, grandioser Ausblicke, schmerzhafter An- und Abstiege und zäher Krisen ist das Abenteuer mozart 100 by UTMB beendet. Eine Helferin hängt mir die wunderschöne und hart erkämpfte Finisher-Medaille um den Hals. Während ich die Medaille betrachte, wird mir bewusst, dass dieser Lauf nicht wegen einer persönlichen Bestzeit oder einer guten Platzierung in Erinnerung bleiben wird. Im Gegenteil. Es war einer jener Tage, an denen nicht die Beine, sondern der Kopf darüber entscheidet, wo und wie der Lauf zu Ende geht. Ein Tag, an dem Aufgeben mehrfach verlockend erschien und Weitermachen dennoch die für mich bessere Entscheidung war. Genugtuung und Stolz bleibt jedenfalls aus. Vielleicht bin ich einfach zu müde, um mich zu freuen. Oder mein Geist signalisiert, dass das bloße Ertragen dieses langen Tages keine lobenswerte Leistung ist. Immerhin wollte ich laufen und nicht gehen, wollte viel früher die Ziellinie überqueren. Ich denke, es braucht ein paar Tage Zeit, um einen klaren Blick auf meine diesjährige Teilnahme am mozart 100 by UTMB zu kriegen.
Ein wenig Statistik: 545 wagemutige Ultraläufer machten sich am frühen Morgen auf dem Weg. 329 erreichten in der vorgegebenen maximalen Zeit von 23 Stunden die Ziellinie. 216 Teilnehmer, das sind beinahe 40 Prozent, mussten den mozart 100 by UTMB vorzeitig beenden. Ich wünsche allen eine gute Regeneration und noch viele erlebnisreiche Laufabenteuer. Und mir wünsche ich, dass dieses hart erkämpfte Finish die Eintrittskarte ist, um noch einmal beim Western States 100, dem wohl geschichtsträchtigsten Ultratrail, am Start stehen zu dürfen.
23.05.2026: mozart 100 by UTMB - Erlebnisbericht
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