Ich sitze mit nassen Klamotten im vollbesetzten Bus und werde von Kals zurück ins Start- und Zielgelände nach Kaprun gebracht. Die kurvenreiche Fahrt wird knapp eineinhalb Stunden dauern. Zeit genug, in frustrierte, nachdenkliche, teils auch in erleichterte Gesichter zu blicken und über Sitzreihen hinweg heftige Diskussionen über das gerade Geschehene zu belauschen. Ich beginne zu frieren. Zu lange stand ich auf der Straße und wartete auf den Bus. Aus Sorge, ich könnte auch in diesem Bus keinen Platz finden, habe ich meine Position in der ersten Wartereihe nicht auf´s Spiel gesetzt, um mich umzuziehen. Nun krame ich endlich ein trockenes Langarmshirt, eine Haube und Handschuhe aus meiner Laufweste. Bald ist es mir wieder wärmer.
Auf der Strecke war mir trotz Dauerregen nicht kalt. Da war ungeachtet der sehr anspruchsvollen Rahmenbedingungen alles im Lot. Ich war mental und körperlich perfekt eingestellt und meine Ausrüstung hatte ich im Hinblick auf das prognostizierte Schlechtwetter mit großer Sorgfalt gewählt. Aber leider haben es nicht alle geschafft, sich warm zu halten. Einige Läufer haben die Warnungen der Meteorologen ignoriert und sind mit minimalistischer Pflichtausrüstung auf die Strecke gegangen. Stark unterkühlt wollten und konnten dann einige Teilnehmer die Checkpoints Luckner-Haus und Glorer Hütte nicht mehr verlassen und haben durch ihr verantwortungsloses Handeln den Rennabbruch des Großglockner Ultra-Trail zumindest mitzuverantworten. Denn dem Veranstalter blieb ob dieser Entwicklung wohl keine andere Wahl und so wurde der Großglockner Ultra-Trail für vorzeitig beendet erklärt. Mit dieser Entscheidung wurde mir mein Finish genommen. Es ist mein erstes DNF. Noch nie musste ich einen Lauf vor dem Erreichen der Ziellinie abbrechen. Heute durfte ich nicht weiterlaufen. Nun habe ich ein DNF, ein wie ich es nenne DURFTE NICHT FINISHEN, in meiner Laufstatistik stehen.
Aber von vorne: Vom Veranstalter wird der Großglockner Ultra-Trail als einer der härtesten Ultraläufe beworben. Und die imposanten Parameter unterstreichen diese Aussage. Auf 110 Kilometer Distanz warten 6.500 positive Höhenmeter auf die Teilnehmer. Vier Pässe auf über 2500 Meter Seehöhe sind zu überqueren und mehr als die Hälfte der Strecke verläuft auf über 2.000 Meter Höhe. Das Panorama ist zweifelsfrei atemberaubend. Immerhin verläuft die Strecke rund um Österreichs höchsten Berg, den 3.798 Meter hohen Großglockner. Das vielfach sehr technische und schwierige Terrain stellt eine extreme Herausforderung dar. Erfahrung mit Langstreckenrennen in den Bergen und starke körperliche und psychische Belastbarkeit sollten Grundvoraussetzung sein. Leider sind im heurigen Jahr sehr viele diesen technischen Anforderungen in Kombination mit dem schlechten Wetter nicht gewachsen.
Der Großglockner Ultra-Trail ist zudem einer von zwei in Österreich stattfindenden Ultra-Trails, die als Qualifikationslauf für den Western States 100 Endurance Run gültig sind. Ich bin ein bekennender Fan dieses geschichtsträchtigen Ultratrails durch die kalifornische Wildnis und durfte im Jahr 2022 den 161 Kilometer langen Lauf auch erfolgreich finishen und mir somit meinen sportlichen Lebenstraum erfüllen. Dass ich dennoch bislang noch nie an der Startlinie dieses Laufes mit Start und Ziel in Kaprun gestanden bin und mir hier meine Qualifikationszulassung für die Western States 100 - Startplatzlotterie geholt habe, liegt in erster Linie an den Wetterkapriolen, die fast jährlich negativen Einfluss auf die Austragung dieses Events nehmen. Und auch technisch ist dieser Ultra-Trail auf einem ganz anderen Level, als die Strecken, die ich bislang gelaufen bin. Dem nicht genug, ist auch die späte Startzeit um 22:00 Uhr Neuland und eine zusätzliche Herausforderung. Daher ist mein Respekt groß und ich gehe mit entsprechender Demut in die wettkampfspezifische Vorbereitung.
Ich reise am Tage vor dem Start mit meiner Familie nach Kaprun. Wir beziehen ein schönes und geräumiges Appartement im Nahbereich des Start- und Zielgeländes. Am späten Nachmittag schlendern wir zum Eventbereich. Der Himmel ist wolkenverhangen und die Temperaturen sind alles andere als sommerlich warm. Das kommt allerdings nicht unerwartet. Seit Tagen sind sich die Meteorologen einig und versprechen kalte Temperaturen und ausgiebigen Niederschlag. Bevor wir in unsere Unterkunft zurückkehren, gönnen wir uns ein schmackhaftes Abendessen und lauschen im Anschluss im Musikpavillon den Klängen einer Blasmusikkapelle.
Mein Vorhaben, möglichst lange zu schlafen, will nicht so recht klappen. Was hilft´s. Schlaf kann man nicht erzwingen. Ich nehme mir vor, es am späten Nachmittag mit einem Powernap zu versuchen. Nach dem Frühstück führt uns unser Weg zum Race-Office. Bevor ich meine Startnummer 13 erhalte, wird die Pflichtausrüstung kontrolliert. Zusätzlich wird darauf hingewiesen, dass die Pflichtausrüstung nur die Minimal-Ausstattung sein kann und wir Teilnehmer uns ob der schlechten Wetterprognose adäquat ausrüsten sollen. Wie sich in den kommenden Stunden zeigen wird, ist Eigenverantwortung allerdings nicht jedermanns und jederfrau Sache. Nachhaltiger wäre es gewesen, die Pflichtausrüstung um ein Schlechtwetter-Kit zu erweitern (wie es mittlerweile auf ultralangen Strecken in Europa üblich ist) und so von offizieller Seite wärmere und wasserdichte Kleidung zu fordern. Denn dass beispielsweise die geforderte zweite trockene Langarm-Schicht alternativ auch ein Kurzarm-Shirt mit Armlingen sein darf, ist ob der prognostizierten Null Grad Celsius auf rund 2.500 Meter Seehöhe eine Farce.
Durch die Startzeit spät abends ist auch die Verpflegung tagsüber für mich Neuland. Ich entscheide mich, am frühen Nachmittag (rund 7 Stunden vor dem Start) eine Pizza zu essen. Rückblickend war die Entscheidung goldrichtig. Zurück im Apartment kann ich wider Erwarten tatsächlich rund 90 Minuten schlafen. Die Zeit bis zum Start verstreicht dennoch gefühlt in Zeitlupe. Aber irgendwann ist es dann doch soweit, sich bereit zu machen Ich ziehe mir die Laufklamotten an, nehme meine Laufweste und mein Drop-Bag und verlasse die Wohnung gemeinsam mit meiner Familie in Richtung Startbereich.
Es nieselt. Die Temperatur liegt bei rund 10 Grad Celsius. Daher habe ich mich vorerst für Shorts entschieden. Am Oberkörper trage ich ein Longsleeve. Darüber habe ich mir meine Regenjacke gezogen. Die Falte am Rücken meiner Regenjacke sorgt dafür, dass ich die Jacke über meine Laufweste tragen kann und diese einigermaßen trocken bleibt. Ich gebe mein Drop-Bag ab. Auf dieses Bag werde ich nach rund 48 Kilometer in Kals zugreifen können. Im Drop-Bag habe ich einige trockene Kleidungsstücke, ein paar Gels sowie ein Paar trockene Laufschuhe verstaut.
Der Startbereich füllt sich. Ich werde mit rund 400 weiteren Teilnehmern die 110 Kilometer lange Runde rund um Österreichs höchsten Berg in Angriff nehmen. Die Größe mancher Rucksäcke löst bei mir doch einige Verwunderung aus. Sehr viele haben - so wie ich - eine gut gefüllte Laufweste am Rücken. Denn das heutige Regenwetter verlangt nach entsprechender Ausrüstung. Hinzu kommen zwei Stirnlampen mit Ersatzbatterien, ein Erste-Hilfe-Set, Energie-Gels und noch einiges mehr. Das alles hat ein gewisses Volumen. Doch einige Teilnehmer tragen einen wirklich auffallend kleinen Rucksack. Das lässt vermuten, dass nicht jeder die Wetterwarnung ernst genommen hat.
Pünktlich zum Start macht der Regen eine kurze Pause. Ich entschließe mich daher, die Regenjacke in der Laufweste zu verstauen. Ich verabschiede mich von meiner Familie und schon geht es los. Die vermeintlich größte sportliche Herausforderung des heurigen Jahres steht mir bevor. Aber ich bin zuversichtlich, körperlich gut vorbereitet und mental auf schwierige Stunden eingestellt.
Auf einer Asphaltstraße führt die Strecke hinaus aus Kaprun. Geteerte Abschnitte werden in den nächsten Stunden aber eher die Ausnahme sein. Stattdessen werden hochalpine Pfade zu belaufen sein. Wir laufen an der Sigmund Thum Klamm vorbei und entlang des beleuchteten Klammsees. Der Regen setzt wieder ein und wird rasch stärker. Erste Nebelschwaden liegen in der Luft. Die Waldpfade und Wiesenwege sind durchnässt und schlammig.
Es geht in den ersten langen Aufstieg hinauf zum Mooserboden. Serpentine um Serpentine, Höhenmeter um Höhenmeter steige ich nach oben. Die Trailrunning-Stöcke leisten mir dabei eine große Hilfe. Mittlerweile schüttet es wie aus Kübeln und die Temperatur ist merklich gesunken. Ich will nicht erst warten, bis ich friere. So trete an den Rand des Pfades und ziehe mir meine Regenjacke an. Einige hiken währenddessen in kurzen Shirts an mir vorbei. Jeder ist seines Glückes Schmied. Es fühlt sich gut an, geschützt durch die hochwertige Regenjacke der tristen Witterung zu trotzen.
Immer wieder sind senkrecht hinabtosende Sturzbäche zu überqueren. Die Dunkelheit verstärkt das imposante Geräusch des Wassers. Es hört sich bedrohlich an. Die mit Brettern gelegte Brücken erscheinen im Kegel der Stirnlampe nicht sonderlich breit. Ich klassifiziere diese Querungshilfen in dreibretterbreite und zweibretterbreite Brücken. Die lediglich zweibretterbreiten Stege, selbstredend ohne schützendes Geländer, mag ich nicht sonderlich und bin immer sehr froh, wenn ich rasch auf der anderen Seite angelangt bin. Nicht auszudenken, hier in stockfinsterer Nacht ins eiskalte Wasser zu stürzen. Es fühlt sich lebensgefährlich an. Aber ich bin mental auf solche Herausforderungen vorbereitet. Viele andere offensichtlich nicht.
Insbesondere wird der stärker werdende Nebel immer mehr zum Spielverderber. Denn die winzigen Wassertropfen im Nebel reflektieren das Licht der Stirnlampe und erzeugen eine blendende Lichtwand. So habe ich oft zwei, drei Teilnehmer im Schlepptau. Denn jemandem hinterher zu laufen, macht die Sache deutlich einfacher. Im Konvoi geht es weiterhin aufwärts.
An besonders exponierten Stellen sind Stahlseile verbaut. Sich daran festhalten zu können, während man im steilen Gelände über nasse und rutschige Gesteinsbrocken klettern muss, gibt Sicherheit. An der Reaktion mancher Teilnehmer merkt man, dass mit solch technischen Abschnitten nicht gerechnet wurde. Manchen ist die Angst förmlich ins Gesicht geschrieben und sie können sich kaum überwinden, diese Passagen zu meistern. So ist es auch nicht verwunderlich, dass bereits beim ersten Checkpoint einige einen Schlussstrich ziehen und den Großglockner Ultra-Trail frühzeitig beenden. Chapeau an dieser Stelle an alle, die ihre eigenen Fähigkeiten richtig einschätzen und diese für sie bestimmt kluge Entscheidung treffen. Denn die wirklich schwierigen technischen Passagen liegen noch vor uns. Und es regnet weiterhin unaufhörlich.
Den Checkpoint Mooserboden erreiche ich nach 2 Stunden und 37 Minuten. Im Zwischenranking bin ich auf Platz 69 bzw. auf Rang 9 in meiner Altersklasse klassiert. Ich gönne mir in trockener Umgebung ein Gel und fülle die Flasks auf. Lange halte ich mich nicht auf. Es geht nach wenigen Minuten wieder hinaus in die finstere und verregnete Nacht. Bei mir ist alles im Lot. Von Müdigkeit ist keine Spur, obwohl es mittlerweile weit nach Mitternacht ist.
Die Strecke führt über die Staumauer weiter in einen steilen und technischen Aufstieg. Schade, dass es dunkel ist und man die Umgebung nicht wahrnehmen kann. Weiterhin ist im Nebel der markierte Weg kaum auszumachen. Große Felsplatten und Gesteinsbrocken legen sich in den Weg. Dann ist es geschafft und das Kapruner Törl auf 2.639 Meter Seehöhe ist erreicht. Die Höhe spüre ich kaum. Vielleicht bin ich ein klein wenig mehr außer Atem als sonst. Aber alles im grünen Bereich.
Es folgt ein steiler Abstieg über schroffe, steinige und rutschige Pfade. Höchste Konzentration ist gefragt. Jeder Schritt hat Potenzial zur Stolperfalle. Und ein Sturz hätte voraussichtlich schmerzhafte Konsequenzen. Daher laufe ich besonders vorsichtig hinab Richtung Stausee Tauernmoos. Immerhin habe ich meiner Familie versprochen, heil anzukommen. In diesem Abschnitt verliere ich einige Plätze im Klassement. Die jungen Wilden sind risikofreudiger und bergab deutlich schneller als ich. Aber für mich gilt: Safety first; Platzierung eher nebensächlich. Wieder geht es nach oben. Die Höhenmeter hinauf zur Rudolfshütte auf 2.315 Meter Seehöhe wollen bezwungen werden. Nach weiteren 3 Stunden und 17 Minuten, also nach insgesamt rund 6 Stunden Laufzeit, erreiche ich auf dem 88. Gesamtrang liegend den nächsten Checkpoint. Wieder labe ich mich mit einem meiner GU-Roctane-Gels der Geschmacksrichtung Salted Chocolate und knabbere einiges an Salzgebäck. Ich fülle meine Flasks mit Wasser und einem isotonischen Getränk voll und laufe wieder in die dunkle, verregnete Nacht hinaus. Auch hier entscheiden sich einige Teilnehmer, den Lauf nicht mehr fortzuführen.
Es steht mir der überaus technische und steile Aufstieg zum Kalser Tauern auf 2.515 Meter Seehöhe bevor. Auch auf diesem Abschnitt ist durch den Regen und den Nebelschwaden mancherorts die markierte Strecke über loses Gestein und großen Felsbrocken kaum auszumachen. Die Kletterei will kein Ende nehmen. Aber irgendwann ist auch dieser fordernde Uphill geschafft. Die technischen Schwierigkeiten bleiben allerdings. Denn auch der Downhill hinab ins Dorfertal verlangt einem alles ab. Die Felsen sind rutschig, die Pfade kurvenreich und schmal. Stolperfallen wohin man auch seinen Fuß setzt. Trotz der langen Nacht, trotz der widrigsten Bedingungen und der technisch anspruchsvollen Strecke bin ich weiterhin guter Dinge. Es zeigt sich wieder, wie wichtig nicht nur die körperliche Vorbereitung, sondern auch der mentale Zugang zu solch extremen Herausforderungen ist.
Mit Blick auf den Weißsee setzt die Morgendämmerung ein. Es tut gut, die Umgebung auch außerhalb des Lichtkegels der Stirnlampe wahrzunehmen. Die Schwierigkeiten der ersten Streckenhälfte habe ich hinter mich gebracht. Vor mir liegen nun einige leicht fallende Kilometer auf einem breiten Schotterweg. Das sind seit dem Start die ersten wirklich gut laufbaren Kilometer.
Nach 9 Stunden treffe ich in Kals ein. In meiner Altersklasse liege ich auf Rang 10 und im Gesamtklassement auf dem 92. Rang. Hier herrscht reger Betrieb. Denn in einer knappen Stunde startet hier der Großglockner Trail mit 57 Kilometer Distanz. Es ist die selbe Strecke zu belaufen, die auch uns Teilnehmern des Großglockner Ultra-Trail noch bevorsteht. Ich hole mir mein Drop-Bag und fülle meinen Gel-Vorrat auf. Ich ziehe mir ein trockenes Oberteil und trockene Socken an. Nach einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen mache ich mich wieder auf den Weg. Die Streckenhälfte erreicht zu haben, ist für mich immer ein wichtiger Meilenstein. Zuversichtlich verlasse ich den Checkpoint Kals, nichtsahnend bald wieder hierher zurücklaufen zu müssen.
Der Regen lässt etwas nach, als ich den kilometerlangen Anstieg hinauf zu den sogenannten Greiwiesen in Angriff nehme. Auf der Strecke wird es unruhig, denn die ersten Teilnehmer des Großglockner Trails laufen an mir vorbei. "Ausgeruht und mit frischen Beinen ist es leicht schnell zu sein!", murmle ich in mich hinein. Es ist nicht mehr weit bis zum nächsten Checkpoint Luckner-Haus. Doch in der Ferne scheint hektisches und aufgebrachtes Treiben zu herrschen. Gestikulierende Teilnehmer kommen wieder den Berg hinabgelaufen. Was passiert hier gerade? Läufer um Läufer gehen oder laufen an mir vorbei und teilen mir unmissverständlich mit, dass wir wohl nach Kals zurücklaufen müssten. Das Rennen sei abgebrochen worden und wir werden in Bussen zurück nach Kaprun gebracht. Ich stehe eine Weile verdutzt da und checke auf meinem Smartphone die Facebook-Seite des Veranstalters. Hier ist es bestätigt. Der Großglockner Ultra-Trail ist gecancelt. Auch meine Frau ruft an und will wissen, ob ich vom Abbruch erfahren habe. Denn im Live-Tracking würde ich weiterhin auf dem Weg zum Luckner-Haus sein. Merkwürdigerweise laufe ich tatsächlich als blinkender Punkt auf der virtuellen Streckenkarte eine hochgerechnete Zeit ins Ziel weiter.
Im wirklichen Leben trabe ich locker in den Talboden nach Kals zurück. Die ersten Busse sind voll und abgefahren. Zum einen mit Teilnehmer des Großglockner Ultra-Trail, die von Kals gleich gar nicht mehr weiterlaufen durften. Zum anderen mit den hunderten Teilnehmern des Großglockner Trails, die ebenfalls vor mir wieder zurück in Kals waren. So dauert es leider eine lange Zeit, bis ein weiterer Bus kommt und ich endlich darin einen Platz finde.
Zurück in Kaprun gönne ich mir im Apartment erstmal eine heiße Dusche und ein paar Tassen Kaffee. Trotz Müdigkeit kann ich nicht schlafen. Zu aufgewühlt bin ich über mein erstes DNF. Wenn ich an die Startlinie gegangen bin, habe ich es in all den Jahren jedes mal ins Ziel geschafft. Und da hatte ich durchaus harte und schmerzhafte Stunden zu überstehen. Allen aufgetretenen Problemen trotzte ich und holte mir die verdienten Zielankünfte. Bloß heute nicht. Es fühlt sich sehr unbefriedigend an, dieses "did not finish", welches eigentlich ein "durfte nicht finishen" ist.
Am Nachmittag holen wir mein Drop-Bag ab. Auch Finisher-Medaillen liegen zur freien Entnahme auf einem Tisch im Zielbereich. Warum ich mir eine mit nach Hause nehme? Ich weiß es nicht. Vermutlich, weil ich überzeugt bin, dass ich den Großglockner Ultra-Trail am heutigen Tag ins Ziel gebracht hätte. In diesem Augenblick laufen die beiden Sieger über die Ziellinie. Dass eine Handvoll (Elite-)Läufer das Rennen dennoch bis zum Ziel fortführen durften, hinterlässt bei mir einen weiteren fahlen Beigeschmack. Denn ein Abbruch sollte dann doch für alle Teilnehmer gelten.
Ein paar Tage später postet der Veranstalter auf seiner Website eine Stellungnahme. Viele der unterkühlten Läufer hätte die Hinweise aus dem Race-Briefing nicht beachtet und wären viel zu leicht bekleidet unterwegs gewesen. Diese Leichtsinnigkeit habe den Abbruch verursacht. Als offizielles Ergebnis wird meine Zwischenzeit von Kals hergenommen. Mit den Organisatoren des Western States 100 Endurance Run wird ein Deal vereinbart. Alle, die bis zur Glorer Hütte gelaufen sind, werden für die nächste Lotterie zugelassen werden. Da fehlen mir leider ein paar Kilometer. So werde ich nach vielen Jahren das erste Mal nicht im Lostopf sein. Aber ich will nicht länger Trübsal blasen, denn dieser schöne Sport hat mir schon so viele unglaublich erlebnisreiche und schöne Stunden auf den Trails dieser Welt beschert. Aufstehen, Krone richten und weiterlaufen!
Man kann nur hoffen, dass man seitens der Organisatoren daraus lernt und für die Zukunft eine ergänzende Mindestausrüstung bei Schlechtwetter verlangt bzw. diese Ausrüstung beim Zugang zum Startbereich kontrolliert. Vielleicht sollten auch die Zugangskriterien angepasst werden. Denn ich konnte mich selbst davon überzeugen, dass viele Teilnehmer mit den technischen Rahmenbedingungen dieses hochalpinen Ultra-Trails überfordert waren. Wie Schönwetterfotos auf Facebook & Co. lassen nämlich nicht vermuten, wie schwierig dieser Lauf rund um den höchsten Berg Österreichs ist. Ob ich selbst nochmals in Kaprun an die Startlinie gehe? Vermutlich ja, denn es liegt in meiner DNA, Dinge zu Ende zu bringen.
25.07. - 26.07.2025: Großglockner Ultra-Trail - DNF (Durfte nicht finishen)
"Gefällt" dieser Beitrag? Meine Facebook-Fanseite, auf der ich regelmäßig über Trainingsläufe, Wettkampfteilnahmen, Produkttestungen etc. informiere, freut sich über jedes weitere "gefällt mir".



