Montag, 9. November 2015

Mud & Chocolate Trail Run in Sammamish

... oder 5500 Meilen für den ersten Podestplatz!


Den 3wöchigen Aufenthalt bei unseren Schwiegereltern in Seattle nutze ich zur Teilnahme an meinem ersten Trail-Lauf.

Der "Schlamm- und Schokoladen-Geländelauf" oder offiziell "Mud & Chocolate Trail Run" genannt, steht am 9. August 2015 auf dem Programm. 3 Tage nach unserer Ankunft in Seattle und mit 8 Stunden Zeitverschiebung im Schlafzentrum des Kleinhirns soll es im Soaring Eagle Park, in Sammamish gelegen, ein Halbmarathon werden. Nicht irgend ein Halbmarathon, ein Trail-Halbmarathon, mein erster Trail-Wettkampf überhaupt. Und 21 Kilometer für mein eigentliches Saisonziel, dem Graz-Marathon im Oktober.

leckere Schokolade wartet im Ziel
Der Veranstalter-Homepage ist zu entnehmen, dass der Trail einfach zu laufen und keinerlei Geländelauf-Erfahrungen notwendig seien. Diese Aussage reicht für mich, um auf breite Waldautobahnen eingestellt zu sein. Es soll dann doch ein wenig anders kommen ...

Ein kompletter Grünschnabel bin ich ja nicht. Ab und an verlegte ich bereits Trainingsläufe, vorwiegend Fahrtenspiele, von der Straße auf hügelige Waldstücke.

Raceday: Das auf Rennverträglichkeit getestete Frühstück besteht aus Kaffee sowie Toast mit Honig und wird wie üblich 3 Stunden vor dem Start eingenommen. Eigentlich möchte ich gerne noch einen zusätzlichen Toast mit Schokocreme verzehren, aber in den unendlichen Weiten der amerikanischen Kühlschränke ist für zucker- und fetthaltige Schokolade kein Platz.

Kaloriengestärkt bringt mich mein Schwiegervater Daniel rund eine Stunde vor dem Startschuss zum Eingangsbereich des Parks, der Zugleich als Start- und Zielgelände dient. Der Soaring Eagle Park bietet nicht nur Radfahrern, Nordic Walkern sowie Reitern tolle Möglichkeiten, nein, er beheimatet auch Berglöwen und Bee(ä)ren. Während Schwarzbeeren den Weg in den Muffin finden, sollte man Schwarzbären besser aus dem Weg gehen. Dem Instinkt entsprechend sollten eigentlich Bären den Läufern aus dem Weg gehen. Trotzdem warnen Schilder vor der dort vorkommenden Fauna und rät, auf den befestigten Wegen zu bleiben.

Das Startgeld wird bereits vor Tagen bei der Anmeldung überwiesen, sodass die Abholung der Startnummer eine Angelegenheit von wenigen Minuten ist. Ein Großteil des Nenngeldes fließt übrigens nach Angaben des Veranstalters direkt in die Erhaltung der wunderschönen Parkanlage.

Noch 20 Minuten sind es noch bis zu meinem Start, als die Teilnehmer des 4,5 Meilen Laufes sich auf den Weg machten. Man kann die Läuferinnen und Läufer rund 200 Meter auf der breiten geschotterten Waldstraße folgen, dann verschwinden sie hinter einer Kurve.

Die Halbmarathonstrecke setzt sich aus der Start- und Zielgeraden zuzüglich 3 Runden im Park zu knapp 7 Kilometer zusammen, sodass recht genau die 21,1 Kilometer zu laufen sind.

Briefing: Die letzten Minuten bis zum Start des Halbmarathons werden genutzt und man erklärt uns die zu beachtenden Wegemarkierungen. Auch wird erwähnt, uns nach jeweils einer gelaufenen Schleife am Checkpoint mit der Startnummer zu erkennen zu geben um nach der dritten Runde auf die Zielgerade durchgewunken zu werden.

mein Garmin-Track mit Google Earth dargestellt
Meine Ambitionen? Ich weiß nicht so recht, wie die Ergebnisse der letzten Jahre zu interpretieren sind . So finishten all die Jahre nur zwei Hand voll Teilnehmer diesen Halbmarathon unter 2 Stunden. Meine Bestzeit über diese Distanz würde reichen, um am Podest Platz zu nehmen; meine Straßenbestzeit ohne erwähnenswerte Höhenmeter wohlbemerkt. Es schien zwei mögliche Gründe für diese "langsamen" Zeiten zu geben. Entweder war der Trail deutlich anspruchsvoller als von mir angenommen und/oder für die Teilnehmer dieses Laufes stand "dabei zu sein" im Vordergrund.

Mein Plan sieht vor, mit einer 5er Pace zu starten und das Tempo dann eben den geländemäßigen Gegebenheiten und vor allem auch der eigenen Ausdauer (nach oben) anzupassen.

Ich reihe mich bei rund 130 Teilnehmern im vorderen Teil ein und wir zählen die letzten 10 Sekunden bis zum Start herunter. Three ... two ... one .... Go!

Ein angenehm breiter geschotterter Weg führt uns leicht bergauf über eine uneinsehbare Kurve in den Wald. Bis zu dieser Stelle konnten vor einer halben Stunde auch die 4,5-Meilen-Läufer nachverfolgt werden. Ich befinde mich ca. an Position 20 als die Wegemarkierung fordert, nach links in einen bergab führenden Trampelpfad zu biegen. Vorbei soll es sein mit der breiten Waldautobahn. Es folgen Kilometer auf schmalen Trampelpfaden mit Gefälle, teils großem Gefälle, Anstiegen, teils heftigen Anstiegen, Kurven links, Kurven rechts. Laufen in Reih´ und Glied ist angesagt, das Überholen eine Challenge. Hohe Kanten, ausgeprägtes Wurzelwerk zwingen die Gebeine sich entsprechend zu heben. Konzentriertes Laufen ist angesagt.

Mein Empfinden dabei? Wie geil war das denn? Ich "fliege" förmlich über Wurzel und Steine, umkurve Bäume, mache bergauf Tempo, lasse bergab den Beinen freien Lauf. Dieser Trail macht richtig viel Spaß. Ab und zu ein kleiner Ausrutscher oder Stolperer mahnt, die Konzentration nicht zu verlieren. Meine gelegentlichen Waldläufe machen sich bezahlt. Mir bleibt ein Sturz erspart und kann auf diesem Terrain gutes Tempo laufen.

Nach Beendigung der ersten Runde, also nach rund 7 Kilometern, habe ich geschätzte 10 Teilnehmer überholt.

tolle Finisher-Medaille
Am Check-Point wird mir zu verstehen gegeben, die Startnummer registriert zu haben. Ich labe mich mit einem Becher Wasser. Obst steht ebenfalls zur Verfügung. Das angebotene Schokoladen-Gel lasse ich ob fehlender Verträglichkeitsprüfung im Wettkampf dann doch an der Verpflegungsstelle zurück.

Weiter geht es; zuerst wieder abwärts. Ich zweifle, dieses Tempo auf diesem Terrain über 21 Kilometer halten zu können. Das Hochheben der Füße über Wurzeln und Steine, das permanente rauf, runter, links, rechts, das riskante Überholen an Bäumen herum, soll an den Kräften doch über das gewohnte Maß zehren.

Aber dieses Rennen beflügelt mich. Auch auf der zweiten Runde überhole ich Läufer. Am Ende der Runde stehen auch die ersten Überrundungen an. Man kann am Geschwindigkeitsüberschuss zumeist gleich erkennen, ob es sich nun um eine Überholung oder (nur) Überrundung handelt. Ich spüre, dass ich bestimmt schon unter den ersten 10 sein müsste. So eine Situation habe ich in meiner Läuferkarriere noch nicht erleben dürfen. Ich bin von meiner Leistung her am Ende des ersten Drittels eines Läuferfeldes anzusiedeln. Da ich immer Läufe mit recht vielen Teilnehmern bevorzugt hatte, war meine Position meist dreistellig. Ich bin vom Verlauf dieses Rennens so beflügelt oder auch vom amerikanischen Honig auf dem Frühstückstoast so gestärkt, dass kein Nachlassen der Kräfte zu spüren ist.

Die Runde 2 ist beendet. Der kurze Stopp am Startnummern-Checkpoint wird wieder zur Stärkung genutzt. Ein Becher Wasser und ein Stück Banane sind es diesmal. Schoko-Gel wird weiterhin verweigert. Auf zur letzten Runde.

Ich halte Ausschau nach vor mir liegenden Läufern. An manchen Passagen ist es möglich, die Strecke zwischen den Verwindungen, Wellen und Gehölzen ein wenig weiter einzusehen. Ich mache eine 2er Gruppe aus auf die ich langsam auflaufe. Meine Schritte werden schwerer, aber ich keinesfalls langsamer. Zu sehr motiviert es mich weiter zu überholen. Auf einer Steigung zwänge ich mich an den beiden Mitstreitern vorbei und ziehe das Tempo weiter an. Was für ein befriedigendes Gefühl, jemand in einem Anstieg zu überholen und davon zu ziehen. Nach einigen schnellen Schritten ist das tiefe Atmen der Kollegen nicht mehr zu hören und ich weiß, ich habe wieder zwei Plätze gut gemacht.

Noch rund zwei Kilometer. Auf welcher Position würde ich liegen? Vielleicht an 5. Stelle? Oder sind mir auf der Startrunde doch einige mehr enteilt als angenommen und ich würde im Ziel mit der Platzierung enttäuscht sein?

Da vorne ist wer! Den kriege ich noch, war die Meinung des Zentrums für Ehrgeiz und Schmerzverdrängung. Die Beine fühlen sich jetzt aber richtig schwer an. Der Lauf über Stock und Stein zeigt nun doch Wirkung. Aber mein Tempo ist nach wie vor hoch. Ein paar unwegsame Kehren später habe ich aufgeschlossen. Auch dieser Kerl hat nichts entgegen zu setzen. Ich überhole ihn und bin nicht in Gefahr, den errungenen Platz wieder abgeben zu müssen. Niemand kann zusetzen, ich werde auf den ganzen 21 Kilometern kein einziges mal überholt.

Ich laufe  auf den Check-Point zu, meine Startnummer für drei absolvierte Runden für gut befunden und auf die Zielgerade durchgewunken. Ich spekuliere damit, es tatsächlich unter die ersten drei geschafft zu haben. Knapp 200 Meter trennen mich von der Ziellinie. Leicht bergab kann ich sogar nochmal zusetzen und sprinte förmlich ins Ziel.

1:45:17 lautet die Endzeit für meinen ersten Trail - Lauf. Und tatsächlich lande ich auf dem 3. Platz. Mein erster und für lange Zeit vermutlich einziger "Stockerl-Platz" meiner Laufkarriere.


das bin ich
Mit dem Verzehr von leckerer Schokolade überbrücke ich die Wartezeit bis zum Eintreffen meiner Familie. Ich habe mich doch zumindest eine Viertelstunde später angekündigt.

Fazit: Es gibt bestimmt Laufveranstaltungen mit deutlich mehr engagierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Hier steht für die Mehrzahl dann doch das "dabei sein" und mit dem Nenngeld "etwas gutes tun" im Vordergrund. Aber ich lasse mir dadurch meine Platzierung nicht schlechtreden ;-).

Dritter ist Dritter! Pasta! Und ich habe die Liebe zum Cross - Lauf entdeckt.